Elle Marc
Elle Marc

Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. Was wirklich zählt, ist Intuition.  (Albert Einstein)

      Zentauren küssen anders

Prolog

 

 

Hätte mir jemals einer von diesen schwulstig zuckersüßen und fadenscheinigen Möchtegern-Hellsehern vorausgesagt, ich würde die Frau meines Lebens aus freien Stücken fortschicken, ich hätte ihm mitleidig und hochmütig lächelnd geantwortet: „Nicht einmal ich bin so verrückt. Nie im Leben, du Narr!“

Letzten Endes bin ich selbst zum Narren geworden, denn vor nicht mal fünf Minuten habe ich die EINE einfach gehen lassen, damit sie einen anderen heiratet. Nun ja, so EINFACH war´s dann doch nicht. Niemand kann ermessen wie es in mir aussieht, wie sich das anfühlt. Nicht mal meinem ärgsten Feind würde ich das wünschen. Alles ist in mir erloschen, jeder noch so kleine göttliche Funken. Mein Herz ist schwer, ein toter Klumpen Fleisch, erstarrt, verdammt zu unendlicher Qual. Die Luft so dünn wie auf dem Nanga Parbat.

Noch vor wenigen Augenblicken hielt ich sie fest in meinen Armen, habe sie mit meinen Küssen in den Wahnsinn getrieben. Besser gesagt sie mich, weil sie meine Zärtlichkeiten mit solcher Vehemenz erwiderte wie ich sie mir nicht zu träumen gewagt hätte. Sie sagte, ich sei ein Traum, doch wir beide wussten, was sie eigentlich meinte: ich war der Albtraum eines jeden menschlichen Weibes. Und von einer Sekunde auf die andere holt dich dein Schicksal zurück vom Stern der Glückseligen und du weißt es einfach. Du weißt, du bist nicht wirklich eine Alternative für sie. Warst es nie gewesen.

Im Grunde genommen habe ich erreicht, was ich immer wollte. Ich stehe nur noch einen einzigen Schritt von meiner Freiheit entfernt. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass sie so bitter schmecken würde.

Seit mein Herz angefangen hat, nicht mehr jeden elektrischen Impuls weiterzuleiten, dröhnen mehr als hundert Presslufthämmer in meinen Ohren. Der größte Hurrikane, den die Erde je gesehen hat, tobt durch meine Adern, fegt das Blut aus ihnen hinaus, bis sie dörr sind wie getrocknete Fleischstreifen. Auf meinen erhitzten Wangen brennt das salzige Wasser, das aus dem Tränenkanal quillt als hätte ich für eine ganze Kompanie Zwiebeln geschält. Die Kopfschmerzen schleichen heran, obwohl mein Hirn doch nur noch aus leeren Vakuolen bestehen kann. Denn wer anders als ein dem Wahnsinn Verfallener würde sich selbst so gnadenlos ins Verderben stürzen und auf das Liebste verzichten, das ihm vom Schicksal so unverhofft geschenkt worden war?

Ich versuche mich an einem tiefen Atemzug, um den Herzschlag wieder in normale Bahnen zu lenken. Es misslingt. Ein herber Stich durchfährt den unermüdlichen Muskel, der mir seinen Dienst noch nie versagt hat, wenn er auch manches Mal schwächelt. Mir ist als wäre mein Herz erschlagen worden. Es liegt im Staub wie eine zerfledderte Pampelmuse, deren fruchtig-bitterer Saft sich durch einen mutwilligen Fußtritt in alle Richtungen verspritzt hat. Ich beginne nach Luft zu schnappen als befände ich mich in einem Raum mit eintausend Bar Unterdruck. Bestimmt sehe ich aus wie eine Schildkröte, die ihr Maul vergeblich aufreißt nach einem saftigen Blatt, das man ihr im Abstand von wenigen Zentimetern vor die Nase hält, das sie aber nie zu fassen kriegt.

Weil mir schwindelt trete ich für Sekunden aus meinem Körper heraus und sehe wie mein sechshundert Kilo schwerer Leib wie ein gefällter Baum in die Knie geht und der Länge nach zur Seite knickt. Augenblicklich weicht der Schmerz in meinem Inneren einem größeren Äußeren. Die Liegebeulen und offenen Stellen, die sich mein geschundener Körper in den letzten Wochen zugezogen hat, quälen mich derart, dass ich ein Aufstöhnen nicht unterdrücken kann. So nah über dem Waldboden sauge ich gierig den mir nach all der Zeit vertrauten Geruch nach feuchtem Moder, Moos, verfaulendem Holz, nassem Farn und Pilzen ein. Zusammen mit meinen eigenen Ausdünstungen ergibt das eine ganz persönliche, widerliche Mischung. Längst habe ich mich angeekelt von mir selbst abgewandt als sich die kleinen Kriechtiere ihren Weg durch mein Fell bahnten und ich sie erbarmungslos mit den Fingern zermalmte. Ich frage mich, wie SIE mich die ganze Zeit ertragen konnte, ungewaschen, unrasiert, nach eitrigen Wunden und Fäkalien stinkend, mit Würmern in der Haut und allem möglichen und unmöglichem Getier im Fell.

Meine Augen brennen fürchterlich. Ich halte sie fest geschlossen. Und kann nicht verhindern, dass sie kommen. Die Bilder meiner kurzen Doppelexistenz, die ich schätzen- und lieben gelernt habe. Sie überrollen mich unaufhaltsam wie die türkisfarbenen Augen, von denen ein Strahlen wie von tausend Sonnen ausgeht oder die Smaragdaugen, die so unergründlich grün in einem geliebten Gesicht liegen wie ein stiller Bergsee gesäumt von dichtem Nadelwald. Also gut. Bevor ich sie für immer in meinem Herzen vergrabe, will ich ein letztes Mal wenigstens der kostbaren Erinnerung entgegen gehen und mich zu dem Tag vor sechs Monaten begeben, an dem die seltsamen Ereignisse begannen und das Schicksal mir ein drittes Leben schenkte.

 

Kapitel 1

 

 

Alles hatte mit einem ganz harmlosen Traum begonnen, von denen er schon viele hatte, die sich allerdings in letzter Zeit verdächtig häuften. Es lief immer ähnlich ab. Er durchstreifte die Wälder wie früher in seiner Jugend, frei, wild und dennoch geborgen und ohne die geringste Furcht. Es war Nacht. Wo andere sich ängstigten verlieh ihm der Wald die Sicherheit, die es in der Stadt niemals gab. Auf einer Lichtung angekommen, forschte er im Dunkeln nach Bewegungen. Und jedes Mal, wenn er etwas entdeckte, durchzuckte ihn ein Schauder. In dieser kurzen Zeitspanne vom Erspähen einer Regung bis zum Gewahr werden, dass es sich um keine Gefahr handelte, diese zehntel Sekunden, schoss das Blut durch seine Adern als stünde es unter tausend Volt, vibrierte in seinen Ohren und puschte den Herzschlag ins Unermessliche. Er sah den alten Fischer wie so oft auf dem Jägersteig sitzen, gelassen die Lichtung mit dem Fernglas auskundschaften, das Gewehr quer auf den Beinen. Eric näherte sich lautlos und ungesehen. Ehe er sich versah, stand er mit dem Fischer oben auf dem Hochsitz, ja er schlüpfte gewissermaßen in dessen Gestalt und spürte und fühlte alles genauso als wäre er der alte Mann selbst. Er rang mit der Kälte, die von den eingeschlafenen Füßen hinauf zu den Oberschenkeln gekrochen war und ein Gefühl der Blutleere hinterließ. Die klammen Finger knarrten beim Griff ums Fernglas, das in seinem Schoß ruhte und das er ab und zu anhob, um die Grenze zwischen Wiese und Bäumen abzusuchen. Nebelschwaden verliehen dem Ort einen mystischen Zauber, der Eric eine Gänsehaut bescherte. Und plötzlich ein Schatten, rätselhaft, aus dem Nichts. Vor Schreck wäre ihm fast ein Laut entglitten. Im Unterholz hatte sich etwas bewegt. Trotz des jagenden Pulses hob Eric das Fernglas vor seine Augen, traute sich nicht zu atmen. Im Schutz der Nacht huschte etwas auf vier Beinen von Baumstamm zu Baumstamm. Völlig unpassend für diesen Augenblick roch er mit einem Mal den saftigen Braten, den seine Frau mit der fetten Beute bereiten würde.

Meine Frau? Seit wann habe ich eine Frau?

Dank des imaginären Duftes nach Rosmarin und Preiselbeeren lief Eric das Wasser im Mund zusammen, so dass er schluckte und weiterträumte. Behände tastete seine freie Hand nach der Büchse, die andere senkte das Fernglas im Zeitlupentempo. Er legte an und schaute durchs Zielfernrohr. Sah zwei schimmernde Kugeln, die ihn anstarrten und eine Sekunde später einen gewaltigen Körper im Nebel verschwinden. Plötzlich war ihm mulmig zumute. Sein Magen vollführte einen Salto. Diese Augen waren keine Unbekannten. Sie erinnerten ihn an ein gegebenes, fest verdrängtes Versprechen.

Aber ich erinnere mich an kein Versprechen …

Wäre er jetzt wach, würde er sich am Kopf kratzen, aber der Traum ging weiter. Unbehaglich rutschte er auf dem Sitz hin und her. Minutenlang suchte er den Waldrand in beide Richtungen ab. Doch vergeblich. Konnte es sein? Oder hatte ihm seine Phantasie einen Streich gespielt? Irritiert schüttelte er den Kopf. Ein Rascheln hinter ihm unterbrach seine Gedanken. Nein, es war unter ihm. Unterhalb des Hochsitzes. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Ein „Verdammt“ huschte über seine Lippen, wieso hatte er den Hund nicht mitgenommen?

Welcher Hund?

Da knackte es laut und der Jägersteig begann zu wanken. Er schnellte hoch, die knirschenden Gelenke schickten ihm eine Warnung und die Füße wollten ihm den Dienst versagen. Im Reflex griff er nach dem rauen Geländer, spürte kaum seine Finger. Der Hochsitz neigte sich immer weiter zur Seite. Seine alten Knochen hielten sich steif aufrecht, während die Knöchel seiner Finger das Holz eisern umklammerten. Er kippte immer weiter in die Waagrechte und riss sich die Hand auf. Dann ging alles sehr schnell. Er hörte das Geräusch eines umstürzenden Baumes, während sein Blick sich in der fallenden Dunkelheit verlor. Ein letztes Knacken vernahm er ganz nah bei sich. Oder war es in ihm? Jemand flüsterte „Es ist Zeit“ in sein Ohr, dann wurde es Nacht. Sein eigener Schrei weckte ihn. Panisch hieb Eric nach dem Lichtschalter auf dem Nachtkästchen und fand sich schweißgebadet, keuchend und mit pochendem Herzen in triefnassen Laken.

Nein, nicht schon wieder Bettwäsche wechseln. Wie ich das hasse!

Sein zweiter Gedanke galt seiner Hand, deren Schmerz rasch nachgelassen hatte. Die Haut war unversehrt. Erleichtert stöhnte er laut auf und sah im nächsten Augenblick in zwei große reflektierende Pupillen, die ihn vorwurfsvoll anstarrten und zu seinem Kater Aron gehörten.

„Schlaf weiter“, hauchte Eric und der Haustiger ließ den Kopf schwerfällig auf die Matratze fallen. Eric wischte sich den Schweiß mit dem feuchten Bettzipfel vom Gesicht.

Er wandte den Kopf. Es war drei Uhr morgens. Er hatte erst zwei Stunden geschlafen.

Und obwohl er Laken und Pyjama wechselte, kurz duschte und eine heiße Milch mit Honig trank, machte er für den Rest der Nacht kein Auge mehr zu. Zu sehr beschäftigte ihn das wilde Erlebnis seines Traumes. Die Angst und das mulmige Gefühl wollten nicht weichen. Er konnte sich auch beim besten Willen nicht an ein gegebenes Versprechen erinnern, das er nicht eingelöst hatte. Dazu war er einfach nicht der Typ.

Um sechs Uhr drehte Eric den Temperaturregler der Dusche unerbittlich in die rote Richtung. Er brüllte wie ein Eisbär in den heißen Quellen Islands, fing aber an zu lachen, weil es ihm Spaß machte, seinen Körper nach einer fast durchwachten Nacht zu neuem Leben zu erwecken. Er nahm sich Shampoo aus dem Spender und massierte sein ausgedünntes helles Haar. Wohin auch immer sich seine Haare in den letzten Monaten verkrümelt hatten, sie sollten sich zum Teufel scheren. Er stellte das Wasser ab. Aus dem Duschgel, das in einem Körbchen an der Seite stand, drückte er mit einer seltsam tauben Hand mühsam eine haselnussgroße Menge heraus bis es ihm aus den Fingern flutschte.

„Verflucht nochmal“, knurrte er. Mürrisch seifte er sich mit dem wenigen Waschmittel ein und scheuerte darum ausgiebiger mit einem brettharten Waschlappen über seine bleiche Haut als wäre sie durch den Hitzeschock nicht schon rot genug. Er bückte sich nach dem Duschgel und streckte dabei sein steifes rechtes Bein aus der Duschwanne. Als seine Finger den Plastikbehälter berührten, verlor er das Gleichgewicht, schlug mit der Wange gegen das Körbchen und mit dem Ellbogen an die Mischbatterie. Sofort prasselte ein eiskalter Schauer auf ihn nieder, der seinen Atem stocken und sein Herz stolpern ließ. „Dieses verflucht verfluchte Bein“, würgte er aus einem Zustand, den man als schockgefroren bezeichnen konnte.

Beim Aufstehen öffnete er die Augen, schrie ein „Scheiße“ in den Brausestrahl, und presste eine zehntel Sekunde später die Lider fest aufeinander. Das Shampoo brannte höllisch. Wütend warf er das Duschgel in die Duschwanne, traf aber nur seinen linken Fußrücken. Er stöhnte.

Himmel, Arsch und Wolkenbruch! Jetzt ist es aber genug!

Blind tastete er nach dem Hebel, um ihn ins Warme zu drehen. Nur zögernd erholten sich Herz und Lunge von dem Kälteschock und Eric keuchte ein „Was für ein Morgen“ an die nassen Fliesen, gegen die er seine Stirn gelehnt hatte.

Mit hochgezogenen Brauen betrachtete er sein Spiegelbild und überlegte beim Anblick der geröteten Augen und der aufgesprungenen Wange, ob es nicht besser wäre, wieder ins Bett zu gehen. Schließlich zuckte er die Schultern und nuschelte: „Einem Krüppel kann das schon mal passieren.“

Und trotzdem, so konnte es einfach nicht weitergehen!

In seinem Kopf tummelten sich wirre Gedanken, auf welche Weise er den Dienst verlassen und in Frührente gehen könnte. Am besten gefiel ihm die Geschichte, bei der er mit der gelben Plastikente aus der Badewanne in Kronachs Fluss direkt neben dem Amt spielen würde. Sein Antlitz lichtete sich amüsiert und strahlte ihm entgegen. Hinter ihm machte sich Aron bemerkbar, der sein morgendliches Treiben immer andächtig verfolgte. Doch heute schienen Eric die großen honiggelben Augen fragen zu wollen, ob er sie noch alle in der Reihe hätte.

„Ich könnte auch mit den Jagdtrophäen vom Huber am Wehr Schiffe versenken spielen“, grunzte er dem Vierbeiner entgegen. Er erntete ein kaum merkliches Kopfschütteln, was Eric dazu verleitete den Kater laut anzusprechen: „Gerade jemand wie du müsste doch wissen, dass Freiheit das Wichtigste ist.“

Arons Augen blickten nur starr zurück. Ob sie Zustimmung oder Empörung ausdrücken sollten, blieb ihm ein Rätsel. Im Vorbeigehen streichelte er zärtlich über den Kopf des Graugetigerten, schlüpfte im Schlafzimmer in seine Jeans, warf die gelben Enten in einen Leinenbeutel und in seine Ledertasche und dachte bei sich: „Wenn alles nichts hilft, kann ich immer noch versuchen, nackt von der Burg zu springen.“

 

 

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