Elle Marc
Elle Marc

Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. Was wirklich zählt, ist Intuition.   (Albert Einstein)

                       Herzverräter

Entriegle mein Herz, du

Und löse die Bänder der einsamen Not,

In klammerndem Eise verloren, verloren es war.

Lass fühlen mein Herz, du

Und zärtlich befrei es zu jubelndem Beben:

Durch begehrende Liebe gefunden, gefunden es ist.

(unbekannt)

 

 

 

 

Kapitel 1

 

 

JANUAR 2008

 

Es war ein unbarmherziger Montagmorgen. Nicht nur dass ich zu nachtschlafender Stunde hatte aufstehen müssen, nein, es goss auch noch aus Kübeln. Die Briten würden sagen: it´s raining cats and dogs. Gestern Abend hatte mich mein Chef noch angerufen und gebeten, für den amtlichen Tierarzt einzuspringen und so stand ich Punkt fünf Uhr im blütenweißen, lenorfrischen Kittel, bewaffnet mit meinem schärfsten Messer, das auch eine herabfallende Feder in zwei Teile hätte zerteilen können, am Schlachtband. Das Thema Schlachthygiene hatte mich nie wirklich begeistern können, schließlich verbrachte man seine Zeit mit dem Töten und Ausweiden von Tieren. So gern ich diesen blutigen Angelegenheiten aus dem Weg gegangen wäre, als Amtstierärztin ging das nicht. Als ich während meines Tiermedizinstudiums zum ersten Mal in meinem Leben einen Schlachthof von innen gesehen hatte, hatte mich die Rohheit der Arbeiter untereinander und gegenüber den Tieren, die an diesem Ort aus jeder Pore quoll, dermaßen abgeschreckt, dass ich fortan freiwillig auf Fleisch verzichtet hatte. Im Besitz von wesentlich besser ausgeprägten Sinnen als der Mensch sie je besitzen würde, wussten all die Rinder und Schweine schon lange, was auf sie zukam. Ich las es in ihren Augen.

Der Gedanke daran, wieder Fleischbeschau machen zu müssen, hatte mir die Nacht vergällt. Unausgeschlafen stand ich am Ende der Schlachtlinie, um das Gelünge zu untersuchen. Ich schnitt die Lymphknoten an, öffnete Luftröhre und Herz und tastete Lebern und Lungen durch, schnitt die Leber an und streifte sie mit der Hand von unten nach oben aus. Zum Glück gab es abwaschbare Schürzen und Stiefel, denn ich watete stundenlang im Blut. Natürlich klebte der rote Lebenssaft an Händen und Unterarmen, hinterließ trocknend eine unangenehme kühle Spannung, die ich von Zeit zu Zeit abwaschen musste, weil der glitschige Schmierfilm meine Hände wie eine zweite Haut überzog und meine Finger beim Griff nach den Organteilen gefährlich abgleiten ließ. Bereits beim ersten Benutzen des nicht regulierbaren Wasserhahns hatte ich mir die Hände mit dem siedend heißen Wasser verbrannt. Sie waren rot und ich konnte kaum mehr unterscheiden, ob es Blut oder verbrannte Haut war.

Zuerst fiel es mir schwer, die hohe Geschwindigkeit am Band zu halten und ich überließ dem helfenden Fleischbeschauer jedes zweite oder dritte Gelünge. Ansonsten hätte ich nicht die Organe, sondern meine Hände malträtiert oder mir gar den einen oder anderen Finger abgeschnitten. Mit der Zeit stellte sich jedoch Routine ein und ich hielt dem Tempo stand. Teile, die nicht tauglich waren, wurden in einen Behälter geworfen, den eine Art Trichter krönte, und der direkt hinter mir stand. Ich hörte noch wie die Maschine hinter mir eingeschaltet wurde als ein ohrenbetäubender Knall das Gebäude erschütterte, der mich an die Explosion einer Handgranate erinnerte. Binnen einer hundertstel Sekunde erstarrte ich zur versteinerten Kopie meiner selbst. Während ich noch überlegte, ob der ganze Laden gleich in die Luft flog und es nicht besser wäre, mich schleunigst in Sicherheit zu bringen, sausten rotbraune Fetzen an meinen Ohren vorbei, flogen quer durch die Halle und landeten auf meinem Helm und den Schultern.

„Mist, Mist, Mist“, zischte ich kaum hörbar zu mir selbst.

Der Fleischbeschauer bewegte stumm seine Lippen, die sich wie das Maul einer Kaulquappe öffneten und schlossen und gleichzeitig grinsten. Langsam strömte das Blut wieder durch meine Adern. Ich sah mich um und entdeckte all die als genussuntauglich verworfenen Innereien zerhäckselt auf dem Boden verstreut liegen. Anscheinend war die Menge zu viel für das Gerät gewesen und die ganze Schose war gleich einer Fontäne in die Höhe geschossen. Nicht genug damit, dass das frische Blut überall an mir klebte, nun hatte sich mein Kittel auch noch braun gefärbt. Ich klaubte angewidert den rostbraunen Glibber von meinen Schultern und warf ihn zurück in den Behälter. Von den Grimassen der umstehenden Männer las ich ein schallendes Gelächter ab, so dass ich annehmen musste, dass sie ihren Spaß mit mir trieben. Ich hatte das Gefühl, mein Herz hätte vor Schreck einen Riss bekommen und mühte sich nun, diesen wieder zu kitten, so unbeholfen versah es seinen Dienst.

Was ich früh gelernt hatte war, sich in solchen Momenten nichts anmerken zu lassen. An Orten wie diesen zählte nur Kaltblütigkeit. Die Taubheit meiner Ohren ignorierend schnitt ich weiter Lebern an und strich sie nach oben aus bis es mit einem Mal übergroße Leberegel auf mich herabregnete. Diese waren durch meinen schwungvollen Handkantenschlag aus der Leber nach oben hinaus gedrückt, über mir einen Salto schlagend, auf Kopf und Schultern gelandet. Ein Schrei entwich meiner Kehle auch wenn ich ihn nicht hörte. Mit zusammengekniffenen Augen zerrte ich die kleinen Blutsauger vom Kittel und vom Helm und überwand wieder einmal den Ekel in mir. Nachdem ich mich befreit hatte, tippte mir jemand von hinten auf die Schulter und wieder entfuhr mir ein kleiner Schrei. Herr im Himmel, wie ich es hasste ohne Vorwarnung von hinten berührt zu werden. Der Schlächter deutete mit einer Kopfbewegung an, ich solle mitkommen. Anscheinend wurden noch mehr Tiere angeliefert, deren Abladen ich beaufsichtigen sollte. Die schräge Laderampe des Lkw war an beiden Seiten von stählernen Absperrgittern flankiert, hinter denen ich Stellung bezog. Die Rinder ließen sich nacheinander herunterführen bis auf eine Kuh, die im hintersten Bereich des Fahrzeugs hin und her rannte. Die Männer redeten ihr gut zu, klatschten in die Hände und warfen Seile nach ihr, aber nichts half. Meine Anwesenheit ersparte dem Tier zumindest das Elektroschockgerät, zu dem bei solchen Gelegenheiten gerne einmal gegriffen wurde. Als sich die Kuh immer mehr Männern gegenübersah, nahm sie ihren ganzen Mut zusammen - die Schreie der Treiber taten natürlich ihr Übriges - und setzte in hohem Bogen über die Rampe hinweg. Die Absperrung hielt dem Aufprall nicht stand – ich hätte es wissen müssen -, sondern wurde gegen mich und mit mir zusammen nach hinten an die Breitseite eines dort parkenden Transporters geschleudert. In diesen kurzen Augenblicken wurde mir gar nicht bewusst, was mit mir geschah.

Mist, verdammter, ging mir durch den Kopf. Ich hatte mal gelesen, jeder Mensch hätte einen Schutzengel. Ob ich die Ausnahme war?

Von einem Moment auf den anderen flog ich durch die Luft bis sich die schwirrenden Bilder vor meinen Augen aufklarten und ich mich halb unter einem Lkw sitzend wiederfand. Als ich den Kopf drehte, durchzuckten mich weiße und blaue Gewitterblitze, die in meinen Ohren zu einem Donnergrollen anschwollen, sich in einem Trommelfell-zerreißenden Lärm entluden und mich aufkreischen ließen. Gleichzeitig saß ich auf Augenhöhe mit einem nur wenige Zentimeter von meiner Nasenspitze entfernten Stahlrohr, das aus dem Lkw hinter mir herausragte und das mich mit Leichtigkeit hätte aufspießen können. Der Lärm in meinen Ohren verebbte. Die Arbeiter kamen angerannt und zogen mich auf die Beine. Mir war ganz schwindelig, doch ich sagte, mir ginge es gut. Beim Gehen schmerzten mir alle Knochen. Und als ich endlich humpelnd an einen Ort gelangt war, an dem ich mich unbeobachtet fühlte, rieb ich mir erst einmal die Seite. Ich konnte gut durchhalten solange ich in Bewegung blieb. Naja, die Männer schickten mich ohne Aufschub zum Direktor, der den Arbeitsunfall mit gleichgültiger Miene aufnahm. Noch vor der Mittagspause beendete ich die Fleischbeschau und zog mich um. Als ich mich im Spiegel betrachtete, erschrak ich dann doch über all die bunten Farbkleckse auf meiner Haut. Der Rücken und die linke Körperseite leuchteten von der Brust bis zum Knie in fröhlichem Rot, Lila, Blau, Grün oder bunt gemischt. Zusammen mit der rosafarbenen unbeschädigten Hälfte hätte ich einem abstrakten Gemälde alle Ehre gemacht. Wo ich meinen Leib auch berührte, er schmerzte. Und der Geruch nach Blut, Fett, Gelünge und rohem Fleisch an meinen Händen, die ich gefühlte hundertmal mit Ata geschrubbt hatte, machte die Sache auch nicht besser. Aber mein Tag war noch nicht zu Ende. Mein Chef erwartete mich mit einem Spezialauftrag im Veterinäramt, den er mir am Telefon nicht hatte verraten wollen.

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